Israels Rüstungsunternehmen werden zu Europas Industriepartnern
Die Wiederaufrüstung Europas führt zu einer ungewöhnlichen Allianz zwischen israelischen Rüstungsunternehmen und angeschlagenen europäischen Herstellern. Was nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine als Notfallbeschaffung begann, entwickelt sich zunehmend zu etwas Strukturellerem – einer Neuausrichtung von Teilen der europäischen Industrie auf die Rüstungsproduktion. Israelische Firmen positionieren sich dabei im Zentrum dieser Entwicklung.
Die Berichten zufolge laufenden Verhandlungen zwischen Rafael und Volkswagen über die Produktion von „Iron Dome“-Komponenten in Deutschland sind das bislang deutlichste Signal dafür.
Laut Berichten der deutschen Wirtschaftsmagazine WirtschaftsWoche und Handelsblatt stehen Rafael und Volkswagen kurz vor der Gründung eines Joint Ventures, um das Volkswagen-Werk in Osnabrück von der Produktion von Cabriolets auf die Herstellung von Lastwagen, Abschussvorrichtungen und anderen Plattformkomponenten für Luftabwehrsysteme umzustellen, darunter Iron Dome und möglicherweise auch Iron Beam.
Die Vereinbarung ist mehr als nur Opportunismus. Europa erkennt, dass Verteidigungsausgaben ohne Produktionskapazitäten bedeutungslos sind. Die NATO-Mitglieder streben nun Verteidigungsausgaben in Höhe von 5 % des BIP bis 2035 an, während allein Deutschland Hunderte von Milliarden Euro für militärischen Ausbau und industrielle Erneuerung zugesagt hat.
Doch Europas traditionelle Rüstungsgiganten – Rheinmetall, Leonardo, Saab und BAE Systems – haben bereits jahrelange Auftragsrückstände.
Israelische Konzerne treten mit einem anderen Angebot auf. Im Gegensatz zu vielen europäischen Konkurrenten, die ihre Produktion noch hochfahren, verfügen Israels Rüstungsunternehmen über Systeme, die unter Kriegsbedingungen getestet wurden, und – was entscheidend ist – über unmittelbare operative Glaubwürdigkeit.
Die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten haben die Bewährung auf dem Schlachtfeld zu einem kommerziellen Vorteil gemacht. Die tatsächliche Leistungsfähigkeit im Einsatz ist zu einem wirkungsvolleren Verkaufsargument geworden als technische Spezifikationen.
Dieser Wandel zeigt sich besonders deutlich in der Luftverteidigung. Europas erneute Anfälligkeit für Raketen- und Drohnenangriffe hat die Nachfrage nach mehrschichtigen Abfangsystemen beschleunigt. Rafaels „Iron Dome“ wurde bereits an Finnland und Rumänien verkauft, während Griechenland das System ebenfalls prüft. EuroSpike-Panzerabwehrraketen – hergestellt vom europäischen Joint Venture EuroSpike, an dem Rafael einen Anteil von 20 % hält – sind bereits fest in den NATO-Streitkräften verankert.
Elbit Systems treibt unterdessen Pläne voran, sein EuroPULS-Raketensystem in Deutschland im Rahmen von Partnerschaften mit KNDS Deutschland und Diehl herzustellen – als Teil einer umfassenderen Initiative zum Aufbau eines in Europa ansässigen Raketenproduktionsnetzwerks, das mehrere Länder auf dem gesamten Kontinent versorgt. Laut der deutschen Fachpublikation Hartpunkt könnte das Programm mit Aufträgen im Wert von rund 6 Milliarden Euro verbunden sein.
Die industrielle Logik ist ebenso überzeugend. Der deutsche Automobilsektor – der rund 5 % der Wirtschaftsleistung des Landes ausmacht – steht unter zunehmendem Druck durch die schwache Nachfrage nach Elektrofahrzeugen, den verschärften Wettbewerb aus China und steigende Produktionskosten. Teile der Branche sehen sich zunehmend mit einer Situation konfrontiert, die Analysten eher als strukturelle Krise denn als vorübergehenden Abschwung bezeichnen. Das Volkswagen-Werk in Osnabrück ist zum Symbol für den Druck geworden, unter dem die Branche steht: Der Standort soll bis 2027 geschlossen werden, wodurch rund 2.300 Arbeitsplätze gefährdet sind.
Vor diesem Hintergrund entwickelt sich die Rüstungsproduktion zu einer attraktiven Alternative für Industriekonzerne, die eine stabile, langfristige Nachfrage suchen, die durch staatliche Ausgabenverpflichtungen gestützt wird, anstatt von volatilen Konsumzyklen abhängig zu sein.
Ganz neu ist das nicht. Rheinmetall hat bereits Partnerschaften mit Automobilzulieferern und -herstellern geschlossen, um die Produktionskapazitäten zu erweitern. Israelische Unternehmen gehen jedoch noch einen Schritt weiter, indem sie sich direkt in europäische Industrieökosysteme einbinden.
Die Produktion innerhalb Europas trägt dazu bei, logistische Schwachstellen und Lieferengpässe zu beheben, die während der Versorgungsunterbrechungen im Krieg noch deutlicher zutage traten. Für europäische Käufer bietet die lokale Produktion die Gewissheit, dass Lieferungen auch während regionaler Konflikte fortgesetzt werden können. Für israelische Rüstungskonzerne schafft dies eine tragfähigere strategische Position, indem künftige Wartung, Modernisierungen und Lieferketten zunehmend an israelische Technologie und Fachkompetenz gebunden werden.
Die Struktur dieser Partnerschaften zeigt auch, wie sorgfältig mit geistigem Eigentum umgegangen wird. Sensible Technologien und die Produktion von Abfangraketen sollen in Israel oder den USA verbleiben, während sich europäische Werke auf Fahrgestelle, Abschusssysteme, Generatoren und Begleitfahrzeuge konzentrieren. Israelische Unternehmen wollen europäische Aufträge gewinnen, ohne ihren technologischen Vorsprung aufzugeben.
Investoren haben das Ausmaß dieser Chance bereits erkannt. Die Aktien israelischer Rüstungsunternehmen stiegen in den vergangenen zwei Jahren stark an, da sich Kriegsaufträge häuften. Elbit Systems, Aryt Industries, Next Vision und kleinere spezialisierte Zulieferer profitierten alle von einem weltweiten Ansturm auf Verteidigungsaktien.
Der erst im vergangenen November eingeführte Tel Aviv Defense Index stieg stark an, fiel jedoch anschließend um mehr als 40 % gegenüber seinem Höchststand im März, als die Märkte begannen, eine mögliche geopolitische Stabilisierung einzupreisen.
Die Korrektur erscheint eher rational als alarmierend. Die Bewertungen waren selbst angesichts eines kräftigen Gewinnwachstums kaum noch zu rechtfertigen. Wie Itai Lipkovich, Geschäftsführer von Horizon Capital Markets, feststellt, wurden die größten börsennotierten Unternehmen des Sektors mit Gewinnmultiplikatoren gehandelt, die deutlich über denen globaler Verteidigungskonkurrenten lagen; einige kleinere Firmen erreichten sogar dreistellige Bewertungen.
Die Anleger preisten nicht mehr nur höhere Verteidigungsausgaben ein. Sie gingen davon aus, dass die derzeitigen außergewöhnlichen Nachfragebedingungen noch Jahre andauern würden.
Die Herausforderung besteht darin, dass sich die Nachfrage im Verteidigungsbereich selten linear entwickelt. Der aktuelle Ausgabenzyklus in Europa scheint zwar nachhaltig zu sein, doch die Aktienmärkte neigen dazu, eine künftige Normalisierung einzupreisen, lange bevor sich die Auftragsbücher abzuschwächen beginnen.
Dies erklärt zum Teil, warum positive operative Nachrichten in letzter Zeit die Aktienkurse nicht stützen konnten. Elbit Systems sicherte sich kürzlich einen neuen Auftrag der US-Armee im Wert von 212 Millionen US-Dollar zur Lieferung fortschrittlicher Nachtsichtsysteme, während Next Vision, das stabilisierte Drohnenkameras herstellt, weiterhin eine starke Nachfrage mit einem Auftragsbestand von rund 289 Millionen US-Dollar verzeichnet.
Anleger konzentrieren sich zunehmend weniger auf die Schlagzeilen über neu gewonnene Aufträge und mehr auf Ausführungsrisiken, Produktionsengpässe und die langfristige Nachhaltigkeit der Gewinnmargen.
Dennoch könnte die jüngste Korrektur auch darauf hindeuten, dass die Märkte zu schnell reagieren, um ein ruhigeres geopolitisches Umfeld einzupreisen. Wie Yossi Barak, Vorsitzender der Barak Finance Group, kürzlich anmerkte, ist der Rückgang bei Verteidigungsaktien „nicht unbedingt eine Veränderung der fundamentalen Lage der Branche selbst“, insbesondere angesichts der Tatsache, dass geopolitische Spannungen wahrscheinlich ein beständiges Merkmal der globalen Landschaft bleiben werden.
Dennoch bleibt der übergeordnete strukturelle Trend intakt. Europa baut seine Rüstungsproduktion nach Jahrzehnten der Unterinvestition wieder auf. Israelische Unternehmen sind ungewöhnlich gut positioniert, da sie kampferprobte Systeme mit der Bereitschaft zur Lokalisierung der Produktion verbinden.
Mit anderen Worten: Sie nehmen eine wirtschaftlich attraktive Mittelposition ein: Sie sind eher bereit als ihre US-Konkurrenten, die Produktion zu lokalisieren, und dennoch oft schneller einsatzbereit als die überlasteten etablierten Unternehmen in Europa.
Hinzu kommen geopolitische Vorteile. Deutschlands wachsende Verteidigungsbeziehungen zu Israel gehen zunehmend über die reine Beschaffung hinaus und reichen bis zur industriellen Integration. Die Zusammenarbeit von Israel Aerospace Industries mit ThyssenKrupp Marine Systems bei unbemannten U-Booten zeigt, wie weit sich diese Partnerschaften über reine Raketensysteme hinaus ausdehnen.
Dennoch bleiben die Risiken beträchtlich. Politischer Widerstand innerhalb Deutschlands könnte Teile der Vereinbarung mit Volkswagen noch zum Scheitern bringen. Die Geschichte von Volkswagen während der Nazizeit und seine Identität als ziviler Hersteller in der Nachkriegszeit machen jede Rückkehr zur rüstungsbezogenen Produktion politisch heikel.
Gewerkschaften haben weiterhin erheblichen Einfluss auf strategische Entscheidungen innerhalb des Unternehmens. Selbst die Produktion von Verteidigungssystemen anstelle von Angriffswaffen dürfte den Widerstand nicht beseitigen.
Zudem stellt sich die Frage, ob Europa letztendlich strategische Autonomie gegenüber Partnerschaften bevorzugt. Die derzeitige Dringlichkeit spricht für einen raschen Einsatz und externes Fachwissen. Mit der Zeit könnte sich der politische Druck jedoch dahin verlagern, vollständig eigene Kapazitäten aufzubauen, anstatt auf israelische oder amerikanische Technologien zu setzen.
Lokale Produktionspartnerschaften lösen dieses Problem teilweise, aber nicht vollständig.
Für Investoren ist die Unterscheidung zwischen zyklischer Begeisterung und strukturellem Wandel von Bedeutung. Der starke Anstieg israelischer Verteidigungsaktien ist den Fundamentaldaten wahrscheinlich vorausgeeilt, und die jüngste Korrektur spiegelt diese Realität wider.
Dennoch scheint der allgemeine Wandel echt zu sein. Israelische Unternehmen gehen über traditionelle Exportzyklen hinaus und positionieren sich im Rahmen einer europäischen Reindustrialisierungsinitiative, die durch mehrjährige finanzielle Verpflichtungen gestützt wird.
Wenn sie erfolgreich ist, könnte die Partnerschaft zwischen Volkswagen und Rafael letztlich weniger als Einzelgeschäft von Bedeutung sein als vielmehr als Beleg für einen breiteren Trend: Europas militärische Expansion gestaltet die industrielle Wirtschaft des Kontinents neu und verankert israelische Verteidigungstechnologie tiefer in die europäischen Fertigungs- und Lieferketten.
Ihor Pletenets ist ein Finanzexperte mit einem B.A. (Hons) in Rechnungswesen und Finanzen von der University of West London. Sein Interesse am Aktienmarkt begann bereits während seines Studiums und führte ganz natürlich zu einer Karriere in der Finanzbranche. Nachdem er mehrere Jahre auf den Kapitalmärkten in Großbritannien tätig war, zog er nach Israel und trat der israelischen Vermögensverwaltungsgesellschaft Wise Money Israel bei. Derzeit lebt er mit seiner Frau und seiner Tochter in Tirat Carmel.