Schawuot – Wie die Übergabe der Tora, die Tragödie des Goldenen Kalbs, Psalm 67 und das Buch Ruth auf die messianische Erlösung hinweisen
Zeigt die neutestamentliche Geschichte von Pfingsten die biblische Rolle Israels auf und beschreibt sie eine Wiederherstellung der Tragödie, die mit der Übergabe der Tora einherging?
Ein Dozent am Israel College of the Bible (Israels Bibelcollege) nimmt uns mit auf eine Reise durch verschiedene Stationen, von der Übergabe der Torah über die Tragödie des Goldenen Kalbs und Israels priesterliche Rolle für die Nationen bis hin dazu, wie die Geschichte von Ruth zeigt, dass die Vereinigung von Juden und Heiden zur messianischen Erlösung führt.
Dr. Golan Broshi, Dozent am weltweit einzigen hebräischsprachigen evangelikalen Bibelcollege, erläutert die Zusammenhänge zwischen dem biblischen Wochenfest (auf Hebräisch „Schawuot“ genannt) und dem Beginn der Gemeinde der Nachfolger Yeshuas, das in der christlichen Welt oft unter dem Namen Pfingsten bekannt ist.
Dr. Broshi unterrichtet Kurse über Literatur der Zweiten Tempelzeit und zur Bibel, mit Schwerpunkt auf frühen rabbinischen Traditionen und den Schriften des Neuen Testaments. Diese Fachgebiete helfen ihm, Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen Strängen in der frühen jüdischen und frühchristlichen Literatur zu erkennen, die auf das treue Handeln Gottes hinweisen.
Der folgende Text basiert auf einem hebräischen Artikel von Dr. Broshi und einem Gespräch mit ALL ISRAEL NEWS über den Weg zu Pfingsten, von der Übergabe der Torah bis zur Verkündigung des Evangeliums an die Nationen.
Die als „Jubiläen“ bekannte jüdische Schrift aus der Zeit des Zweiten Tempels, verfasst im 2. Jahrhundert v. Chr., berichtet uns, dass die Übergabe der Torah am Sinai am Wochenfest (auch Erstlingsfest genannt) stattfand.
Diese Aussage wird in der frühen rabbinischen Midrasch-Literatur wiederholt. Dort heißt es, dass das göttliche Wort, als Gott die Torah am Sinai gab, in siebzig Feuerzungen geteilt wurde (Schabbat 88b). [Im Hebräischen wird das Wort für „Zunge“ oft auch für „Sprachen“ verwendet.]
Die Zahl siebzig scheint sich von der Zahl der Hebräer abzuleiten, die mit Jakob nach Ägypten hinabzogen (1.Mose 46,27; 5.Mose 10,22), was durch eine Stelle in 5.Mose 32,8 mit der Zahl der Völker der Welt in Verbindung gebracht wird. Im masoretischen Text lautet diese Stelle: „Als der Allerhöchste den Völkern ihr Erbe zuteilte, als er die Menschheit aufteilte, legte er die Grenzen der Völker fest entsprechend der Zahl der Söhne Israels.“
Der rabbinische Midrasch weist darauf hin, dass Gott bereits bei der Übergabe der Torah auf dem Sinai die Absicht hatte, die Völker der Welt zu segnen.
Wie wir jedoch mehrfach in der Torah sehen, trifft die Güte Gottes oft auf das Böse der Menschheit. Als Mose mit den Tafeln des Bundes vom Berg Sinai herabsteigt, muss er feststellen, dass die Kinder Israels die auf den Tafeln enthaltenen Gebote bereits gebrochen haben.
Das Volk fertigte ein goldenes Kalb als Götzenbild an, nannte es nach dem Namen Gottes und begann, es anzubeten. (2. Mose 32) In seinem Zorn rief Mose den Stamm Levi herbei, Gericht über das Volk zu halten, und 3.000 Menschen wurden getötet. Was ein Tag des Segens hätte sein sollen, wurde zu einem Tag der Tragödie und des Fluchs.
Die jüdische Tradition sieht vor, dass während Schawuot Psalm 67 gelesen wird, da der Hauptteil des Psalms 49 Wörter umfasst, entsprechend der Anzahl der Tage, die vom Schwingen des Omer bis Schawuot gezählt werden (3. Mose 23,15–16).
Psalm 67 enthält jedoch auch einen deutlichen Hinweis auf den aroniischen Segen aus 4.Mose 6,24–26, der oft als Priesterlicher Segen bezeichnet wird: „Der HERR segne dich und behüte dich! Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig! Der HERR erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden!“
In 4. Mose wurden Aaron und seine Söhne beauftragt, diesen Segen über das Volk Israel auszusprechen, damit Gott das Volk segnen würde: „So werden sie meinen Namen auf das Volk Israel legen, und ich werde sie segnen.“
In Psalm 67 wird dieser Segen jedoch auf die Völker (Heiden) ausgeweitet. Er beginnt mit einem Segen für Israel: „Gott sei uns gnädig und segne uns; er lasse sein Angesicht leuchten über uns, (Sela)“ (Psalm 67,1), wechselt dann aber zu einem Segen für die Völker: „damit man auf Erden deinen Weg erkenne, unter allen Heidenvölkern dein Heil.“ (Psalm 67,2–3)
Der Verfasser von Psalm 67 scheint zu verstehen, dass ebenso wie die Priester in 4. Mose 6 berufen waren, Israel zu segnen, so sollte auch Israel als „ein Königreich von Priestern“ fungieren und die ganze Welt segnen. Genau das ist es, was Gott Israel versprochen hatte, wenn es seine Torah annehmen würde. (2. Mose 19,6)
Die Frage ist: Wie konnte das geschehen? Israel hatte die Torah bereits an dem Tag gebrochen, an dem sie gegeben wurde. Hier zeigt die Geschichte von Ruth, die traditionell an Schawuot gelesen wird, dass es Gottes Spezialität ist, gebrochene Menschen und Situationen zu nehmen und sie in Segen und Hoffnung zu verwandeln.
Ruth, der Moabiterin, war es gemäß der Torah verboten, sich dem Volk Gottes anzuschließen (5. Mose 23,4). Da sie jedoch bereits einen Israeliten geheiratet hatte, der starb, bevor sie Kinder bekamen, gebot die Torah auch, dass sie freigekauft werden sollte, um Nachkommen für ihren verstorbenen Ehemann zu zeugen. (3. Mose 25)
Boas, ihr neuer Ehemann, der ebenfalls aus einem nicht ganz makellosen Umfeld stammte (Matthäus sagt, er sei der Sohn der Prostituierten Rahab), breitet seine Flügel über sie aus, nimmt sie in das Volk Gottes auf und ehrt ihr Vertrauen in den Gott Israels. Ihre Verbindung führt schließlich zu David, dem König von Israel, und dem Vorfahren des Messias Jeschua, des Königs der Welt.
Im Gegensatz zu den Kindern Israels, die einem falschen Gott falsche Anbetung darbrachten, ehrte Yeshua Gott und heiligte den Namen Gottes, indem er sich bereitwillig anstelle seines Volkes opferte.
Sein Tod und seine Auferstehung führten dazu, dass seine Jünger geduldig in Jerusalem warteten, um den Heiligen Geist zu empfangen (Apostelgeschichte 2), so wie die 70 Ältesten in 4. Mose 11 den Geist empfingen, um als Älteste der Gemeinde Israels zu dienen.
Diese Jünger wurden, nach dem Empfang des Geistes zu Ältesten und Leitern der messianischen Gemeinde. Doch das Zeichen dafür, dass sie den Geist empfangen hatten, war nicht Prophetie, wie in 4. Mose 11, sondern Feuerzungen, die dazu führten, dass sie in anderen Sprachen redeten – verstanden von „frommen Männern aus allen Nationen unter dem Himmel“.
Doch die messianische Erlösung wird auch durch die Umkehrung der Tragödie am Sinai symbolisiert. So wie 3.000 Israeliten wegen der Sünde getötet wurden, nicht geduldig gewartet und stattdessen das Goldene Kalb angebetet zu haben (2. Mose 32), so führte in Apostelgeschichte 2 das geduldige Warten der Jünger auf den Geist zur Verkündigung des Evangeliums und zum ewigen Leben. „Die nun sein Wort annahmen, ließen sich taufen; und an jenem Tag wurden etwa dreitausend Seelen hinzugefügt.“
So ist Pfingsten der Tag, an dem sich die Völker darüber freuen, Segnungen vom Gott Israels zu empfangen, der treu ist, seine Verheißungen zu erfüllen.
J. Micah Hancock ist derzeit Masterstudent an der Hebräischen Universität, wo er einen Abschluss in jüdischer Geschichte anstrebt. Zuvor hat er in den Vereinigten Staaten Biblische Studien und Journalismus in seinem Bachelor studiert. Er arbeitet seit 2022 als Reporter für All Israel News und lebt derzeit mit seiner Frau und seinen Kindern in der Nähe von Jerusalem.