Der Chasaren-Mythos
In einer Zeit, die durch die rasante Verbreitung digitaler Falschinformationen geprägt ist, überrascht es nicht, dass alte, längst widerlegte Verschwörungstheorien wieder aufleben. Eine der hartnäckigsten und schädlichsten davon ist der „Chasaren-Mythos“. Der Chasaren-Mythos ist die falsche Behauptung, dass die heutigen Juden keine Nachkommen der alten hebräischen Stämme seien, sondern tatsächlich Nachkommen eines türkischen Volkes namens Chasaren, das vor einem Jahrtausend zum Judentum konvertierte. Die Führung eines türkischen Reiches konvertierte im Mittelalter tatsächlich zum Judentum. Der Mythos besteht in der unbegründeten Behauptung, dass diese Konvertiten Jahrhunderte später massenhaft nach Osteuropa auswanderten und die Hauptvorfahren der heutigen aschkenasischen Juden seien.
In einer Rede im Jahr 2023 erklärte der Vorsitzende der Palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmoud Abbas, dass die heutigen Israelis nicht mit den biblischen Juden verbunden seien. Laut Abbas konvertierte im zehnten Jahrhundert ein türkisches Königreich zum Judentum. In den folgenden Jahrhunderten verbreiteten sich diese Konvertiten über ganz Europa. Das sei die Entstehungsgeschichte der aschkenasischen Juden. Nach dieser Logik hätten sie keinen Anspruch auf das Land Israel.
Seit dem 7. Oktober hat sich der Chasaren-Mythos von den antisemitischen Randbereichen der palästinensischen Politik in den politischen Mainstream-Diskurs der USA verlagert. Im Jahr 2024 bezeichnete Candace Owens die heutigen Israelis auf X als „chasarische Türken“. Sie fügte hinzu, dass die israelische Führung keinerlei angestammte Verbindung zu der Region habe. Während eines Interviews mit dem US-Botschafter in Israel, Mike Huckabee, stellte Tucker Carlson die legitime Abstammung der aschkenasischen Juden in Frage. Carlson fragte: „Warum führen wir nicht bei allen Menschen im Land Gentests durch und finden heraus, wer die Nachkommen Abrahams sind?“
Mit dem Versuch, dem jüdischen Volk seine historische und indigene Abstammung abzusprechen, versuchen die Befürworter des Chasaren-Mythos verzweifelt, biblische Verheißungen und historische Ansprüche, die das jüdische Volk mit dem Land Israel verbinden, zu entkräften. Historiker, Linguisten und Genetiker haben den Chasaren-Mythos gründlich widerlegt. Umfangreiche genetische Studien, die um das Jahr 2010 veröffentlicht wurden, analysierten die Genome von Juden weltweit. Die Forscher fanden heraus, dass aschkenasische, sephardische und mizrachische Juden eine gemeinsame genetische Abstammungslinie teilen. Diese Abstammungslinie lässt sich bis in die antike Levante zurückverfolgen. Aschkenasische Juden haben eine Abstammung aus dem Nahen Osten, kombiniert mit südeuropäischer DNA. Sie teilen keine genetischen Marker mit türkischen Gruppen aus dem Kaukasus.
Wenn genetische Studien den Chasaren-Mythos so leicht widerlegen, warum hält er sich dann hartnäckig, und warum wurde er kürzlich wiederbelebt? In unserem gemeinsam verfassten Buch The Spiritual War Against Israel (Der geistliche Krieg gegen Israel) machen mein Kollege Dr. Phil Stringer und ich eine ernüchternde Beobachtung. Die Menschen akzeptieren den Chasaren-Mythos nicht aufgrund ernsthafter historischer Untersuchungen. Sie akzeptieren ihn, weil er zu ihrer antiisraelischen Weltanschauung passt. Wenn eine Erzählung einen bequemen Sündenbock in Form der Juden bietet, entsteht eine psychologische – ja sogar dämonische – Anziehungskraft, sie anzunehmen, unabhängig von den Beweisen.
Wie wir in unserem Buch feststellen, handelt es sich bei der Verbreitung solcher Theorien nicht um eine intellektuelle Debatte, sondern um eine „ideologische Invasion“. Wenn politische Kommentatoren und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens diesen widerlegten Theorien Ausdruck verleihen, versuchen sie, dem Antisemitismus eine intellektuelle Rechtfertigung zu verschaffen.
Es ist an der Zeit, den Chasaren-Mythos auf den Müllhaufen der Geschichte zu verbannen. Wir dürfen nicht zulassen, dass Fiktion unser Verständnis der modernen Geopolitik oder der langen Geschichte des Judentums prägt. Moderne Israelis und in der Diaspora lebende aschkenasische Juden haben jedes Recht, im Land Israel zu leben. Sie sind die Nachkommen Abrahams und somit die Erben der vor vielen Jahren gegebenen Verheißung. Wie in 1.Mose 17,7–8 festgehalten:
Und ich will meinen Bund aufrichten zwischen mir und dir und deinem Samen nach dir von Geschlecht zu Geschlecht als einen ewigen Bund, dein Gott zu sein und der deines Samens nach dir. Und ich will dir und deinem Samen nach dir das Land zum ewigen Besitz geben, in dem du ein Fremdling bist, nämlich das ganze Land Kanaan, und ich will ihr Gott sein.