Tu B’Av: Israels „Tag der Liebe“
Tu B’Av gilt oft als das jüdische Pendant zum Valentinstag und wird mit Liebe und Ehe in Verbindung gebracht. Die biblische Geschichte, die mit seinem Ursprung verbunden ist, ist jedoch ebenso herzzerreißend wie die Legenden rund um den Heiligen Valentin.
Der Name des Feiertags bedeutet übersetzt „der fünfzehnte Tag des Monats Av“ im hebräischen Kalender und wird kurz als Tu B’Av bezeichnet. Heute wird er oft als „Hag HaAhava“ bezeichnet, als Fest der Liebe. Die biblische Hintergrundgeschichte zu diesem Feiertag entstand aus der Notwendigkeit, in einer Krisenzeit Ehefrauen für den Stamm Benjamin zu finden.
Auch wenn die Lektüre anspruchsvoll ist, lassen sich aus dieser warnenden Erzählung aus dem Buch der Richter wichtige Lehren ziehen, die die Bedeutung wahrer Liebe hervorheben.
Die erste Erwähnung von Tu B’Av findet sich in der Mischna, verfasst von Rabban Schimon ben Gamliel, einem jüdischen Weisen aus der Zeit des Zweiten Tempels. Er schrieb über Tu B’Av und Jom Kippur (den Versöhnungstag) und beschrieb sie als die beiden glücklichsten Tage im jüdischen Kalender, obwohl beide zugleich eine ernste und besinnliche Dimension besitzen.
In der Mischna Taanit 4:8 schrieb Rabban Gamliel: „An diesen Tagen gingen die Töchter Jerusalems in geliehenen weißen Gewändern hinaus, um niemanden zu beschämen, der keine besaß. Alle diese Kleider mussten zuvor in ein rituelles Tauchbad. Die Töchter Jerusalems gingen hinaus und tanzten in den Weinbergen. Was sagten sie? Junger Mann, erhebe deine Augen und sieh, was du für dich auswählst. Richte deinen Blick nicht auf Schönheit, sondern auf die Familie. ‚Anmut ist trügerisch und Schönheit vergeht, aber eine Frau, die den HERRN fürchtet, die wird gelobt werden‘ (Sprüche 31,30).
Frauen wurden dazu ermutigt, schlichte weiße Kleider zu tragen, um Unterschiede auszugleichen, damit Männer nicht von Reichtum oder Status angezogen würden – genauso wie Männer dazu ermutigt wurden, sich daran zu erinnern, dass die Eigenschaften einer hervorragenden Ehefrau über äußerliche Schönheit hinausgehen, die vergänglich ist.
So ehrenhaft diese Gedanken auch sein mögen, die biblische Geschichte, die angeblich hinter diesem Weinberg-Tanz-Unterfangen stand, war verheerend: Sie beginnt mit einem Mann, der seine Mutter bestiehlt, und endet beinahe mit der Auslöschung eines ganzen israelitischen Stammes.
Nachdem der Mann Micha seiner Mutter Silber gestohlen hatte, lesen wir in Richter 17, dass sie ihn nicht zurechtweist, sondern ihn segnet. Zuvor hatte sie den Dieb verflucht, doch nachdem sie das Silber zurückerhalten hatte, nahm sie es und fertigte daraus buchstäblich ein Götzenbild an.
Was danach geschieht, ist eine Kette falscher Entscheidungen und Sünden.
Micha nimmt das Götzenbild an sich, heuert einen umherziehenden Leviten an, und gründet einen neuen Kult. Danach fallen Hunderte Männer aus dem Stamm Dan ein, nehmen das Götzenbild und den Priester mit, der seine Segnungen offenbar dem Meistbietenden anbot. Anschließend ziehen sie in ein Gebiet im Norden Israels, das ihnen nicht zugeteilt worden war. Dort töten sie die friedlich lebenden Bewohner und nehmen das Land für sich.
Um die Liste der Fehler fortzusetzen: Dieser Levit hatte eine Nebenfrau, die ihn verließ und zu ihrem Vater zurückkehrte, und als er versuchte, sie zurückzugewinnen, ereignete sich eine der schrecklichsten Episoden der gesamten Bibel.
Nachdem er sie aus dem Haus ihres Vaters geholt hatte, hielten sie sich in einer Stadt im Gebiet des Stammes Benjamin auf, wo die dortigen Männer sie in einer Gruppenvergewaltigung zu Tode misshandelten. Der Levit forderte die anderen elf Stämme Israels auf, auf diese Gräueltat zu reagieren, was zum ersten Mal in der Geschichte Israels zu einem Krieg zwischen den Stämmen führte und den gesamten Stamm Benjamin fast auslöschte.
Die anderen Stämme waren so entsetzt über das Verhalten der Benjaminiter, die die Stadt der Vergewaltiger verteidigt hatten, anstatt diese auszuliefern, dass sie schworen, ihnen niemals ihre Töchter zur Heirat zu geben. Dies stellte Israel vor ein Dilemma: Waren sie bereit, das Ende eines ganzen Stammes in Kauf zu nehmen?
Und das Volk Israel hatte Mitleid mit Benjamin, seinem Bruder, und sprach: „Heute ist ein Stamm von Israel abgehauen worden! Was wollen wir tun, damit die Übriggebliebenen Frauen bekommen? Denn wir haben bei dem HERRN geschworen, dass wir ihnen keine von unseren Töchtern zu Frauen geben wollen!“ (Richter 21,6–7)
Ihre Lösung bestand darin, eine Situation zu schaffen, in der die Benjaminiter Frauen nehmen konnten, ohne dass diejenigen, die ihre Töchter hergaben, ihren Schwur brachen:
Und sie befahlen dem Volk Benjamin und sprachen: „Geht hin und lauert in den Weinbergen! Wenn ihr dann seht, dass die Töchter von Silo mit Reigen zum Tanz herausgehen, so kommt aus den Weinbergen hervor und nehmt euch ein jeder eine Frau von den Töchtern Silos und geht in das Land Benjamin!“ (Richter 21,20–21).
Die Geschichte ist düster.
Die Schrecken in Richter 17–21 entstanden durch eine ganze Reihe zerstörerischer Beziehungen: ein Sohn, der seine Mutter bestiehlt; eine Mutter, die ihr Kind nicht zurechtweist; der Missbrauch von Geld; die Aufgabe einer Berufung; Götzendienst und Zwang – lange bevor die Ereignisse in die extreme Gewalt von Massenvergewaltigung und Mord münden.
Um die Dinge wieder in den richtigen Gang zu bringen, bedurfte es zudem einer enormen stammübergreifenden Anstrengung, und genau hier in Richter taucht zum ersten Mal das hebräische Wort für Fasten auf. Wahre Liebe und gottgefällige Beziehungen umfassen weit mehr, als wir vielleicht denken – sei es der Respekt gegenüber Eltern, ein wertschätzender Umgang am Arbeitsplatz oder Gemeinschaften, die füreinander sorgen.
Ebenso kann das, was „liebevoll“ erscheint, letztendlich unerwünschte Folgen haben, wenn es gegen Gottes Wege verstößt. Die Mutter könnte geglaubt haben, aus Liebe zu handeln, als sie das Fehlverhalten ihres Sohnes unterstützte. Doch das Tolerieren von Sünde kann verheerende Konsequenzen haben.
Heute wird Tu B’Av als freudiges Fest gefeiert, das zur Zeit des Vollmonds in der Monatsmitte stattfindet und mit Gesang, Tanz und besonderen Verabredungen verbunden ist.
Die Bedeutung von Liebe und Ehe als Fundament für den Aufbau einer starken Gesellschaft wurde in Israel angesichts der seit dem 7. Oktober 2023 empfundenen existenziellen Bedrohung umso stärker hervorgehoben. Während Vergewaltigung als Waffe der Zerstörung gegen Israel eingesetzt wurde, nahm die Zahl spontaner Eheschließungen nach dem Angriff stark zu – als Ausdruck des Widerstands und des Lebenswillens.
Professorin Ruth Halperin-Kaddari, Expertin für Familienrecht und Gründungsdirektorin des Rackman-Zentrums zur Förderung der Stellung der Frau an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Bar-Ilan-Universität, erklärte, dass das Heiraten eine Art Erklärung sei:
„Wir schaffen hier Kontinuität. Sie sind aufgestanden, um uns zu vernichten, aber wir haben nicht nur überlebt, sondern sichern unser Fortbestehen durch die nächste Generation.“
Wahre Liebe – oder das Fehlen derselben – wirkt sich nicht nur auf zwei Menschen oder gar die Kernfamilie aus, sondern kann die gesamte Gesellschaft beeinflussen.