All israel wissen Aufstieg und Niedergang des arabischen Sozialismus
Wie der Islamismus das Vakuum füllte, das der säkulare Nationalismus hinterlassen hatte
Wer alt genug ist, um sich an die 1970er Jahre zu erinnern, weiß vielleicht noch, dass Israels berüchtigtste terroristische Feinde größtenteils säkular und nicht islamistisch waren. Die Terrororganisationen hinter der Entführung in Entebbe und dem Massaker von München waren keine islamistischen Bewegungen. Sie stammten aus dem Umfeld des säkularen palästinensischen Nationalismus und der revolutionären Linken. Die PLO selbst war ein säkular-nationalistischer Dachverband, keine islamistische Organisation.
Tatsächlich war der geistige Begründer und Ideologe der säkularen Baath-Partei, die später zur Herrschaft von Assad in Syrien und Saddam Hussein im Irak führen sollte, ein Christ (Michel Aflaq, 1910–1989).
Was ist also geschehen? Warum hat der säkulare Nationalismus, der einst unter Israels Feinden und in der gesamten arabischen Welt so dominant war, gegenüber dem Islamismus so stark an Boden verloren?
Genau das möchte ich in diesem Artikel untersuchen.
Wenn man einmal hinschaut, erkennt man diesen Kampf zwischen säkularem Nationalismus und politischem Islam, der sich durch einen Konflikt nach dem anderen im gesamten Nahen Osten zieht. Er war im Iran-Irak-Krieg zu beobachten; er war im syrischen Bürgerkrieg zu beobachten; er war in der iranischen Revolution zu beobachten; er zeigt sich in Ägyptens brutaler Unterdrückung der Muslimbruderschaft, und er zeigt sich in den Kriegen zwischen der PLO und der Hamas.
Um zu verstehen, woher das kommt, müssen wir zu dem entscheidenden traumatischen Ereignis zurückkehren, das den Nahen Osten bis heute prägt: dem Untergang des Osmanischen Reiches.
Nach dem Ersten Weltkrieg fragte sich die gesamte muslimische und arabische Welt: „Wie konnte das passieren? Warum sind wir so viel schwächer als Europa?“ Grob gesagt kristallisierten sich zwei konkurrierende Antworten heraus. In der Türkei lautete Mustafa Kemal Atatürks Diagnose: zu viel Islam. Die Lösung? Säkularismus nach europäischem Vorbild. Und er setzte dies mit aller Entschlossenheit um. Er schaffte 1924 sogar das Kalifat ab, was Schockwellen durch die islamische Welt sandte. Eine fast 1.300-jährige Tradition kalifaler Führung, die sich auf die Nachfolge Mohammeds berief, fand ein jähes Ende. Stellen Sie sich vor, die neue Italienische Republik hätte dem Papst nicht nur die politische Macht entzogen, sondern das Papsttum selbst formell abgeschafft. Der Vergleich hinkt zwar – der Kalif war nie ein islamischer Papst –, aber er vermittelt einen Eindruck von der symbolischen Zäsur.
Vier Jahre später, im Jahr 1928, gründete Hassan al-Banna in Ägypten die Muslimbruderschaft und bot die gegenteilige Antwort an. Seine Diagnose: zu wenig Islam. Die Lösung? Der Islam als umfassendes System für Gesellschaft und Regierung, nicht nur als privater Glaube. Seine Bewegung und Ideologie wuchsen und inspirierten viele Menschen, doch es gelang ihnen nicht, die politische Macht zu ergreifen.
Als die Europäer nach dem Zweiten Weltkrieg größtenteils das Land verließen, inspirierte Atatürks Idee von Modernisierung, Nationalismus und Säkularismus viele andere Nationen, diesem Beispiel zu folgen. David Ben-Gurion war in gewisser Hinsicht Israels Atatürk: ein energischer Staatsgründer, der versuchte, eine moderne nationale Identität zu schmieden. Reza Schah im Iran hatte bereits in den 1930er Jahren viele seiner säkularen Reformen bewusst nach dem Vorbild Atatürks gestaltet. In der arabischen Welt war dies jedoch auch mit dem panarabischen Nationalismus verbunden, und in Ägypten, Syrien und im Irak entstanden in den 1950er und 1960er Jahren diese sozialistischen arabischen Republiken, mit Abdel Nasser in Ägypten und der Baath-Partei in Syrien und im Irak.
Diese Form des arabischen Nationalismus war für arabische Christen äußerst attraktiv, da sie ihnen ermöglichte, daran teilzuhaben und genauso „arabisch“ zu sein wie ein Muslim. Der bereits erwähnte Michel Aflaq war selbst ein christlicher arabischer Nationalist und betrachtete Mohammed und den Islam als zentrale Bestandteile der arabischen Zivilisation.
Ägypten, Syrien und der Irak waren in dieser Zeit allesamt verschiedene Zweige desselben revolutionären Baumes. Sie alle propagierten eine Form des säkularen Sozialismus, des Panarabismus und des Antikolonialismus, und Nasser wurde zu einem regionalen Helden, nachdem er den Suezkanal verstaatlicht und Ägypten 1956 erfolgreich aus der Suez-Krise geführt hatte, wobei der Kanal in ägyptischer Hand blieb.
Der arabische Sozialismus war jedoch nicht mit dem sowjetischen Kommunismus gleichzusetzen. Wirtschaftlich wiesen sie einige Gemeinsamkeiten auf: Landreform, Verstaatlichung, einen riesigen öffentlichen Sektor und ein umfangreiches staatliches Sozialsystem. In Nassers Ägypten wurde Hochschulabsolventen sogar eine Anstellung im Staatsdienst garantiert. Politisch entwickelten sich diese Systeme ebenfalls zu autoritären Regimen mit Zensur, Einparteienherrschaft und Inhaftierung von Oppositionellen. Doch es war nicht dasselbe wie der sowjetische Kommunismus. Im Gegensatz zu den Marxisten ordneten die arabischen Sozialisten den Klassenkampf im Allgemeinen der nationalen Einheit unter. Aktive Kommunisten in ihren Ländern wurden tatsächlich oft inhaftiert oder hingerichtet – während die Regierungen mit der anderen Hand weiterhin sowjetische Waffen und Wirtschaftshilfe annahmen.
Gleichzeitig gelang es Algerien, Frankreich zu vertreiben, was einen enormen Einfluss ausübte. Ihr Sieg schien zu beweisen, dass selbst eine viel schwächere Bewegung Guerillakrieg, Terrorismus und internationalen Druck nutzen konnte, um eine stärkere westliche Macht zu besiegen, und das algerische Modell beeinflusste nachfolgende palästinensische Terrororganisationen tiefgreifend.
Eine eklatante Ausnahme von diesem arabischen Sozialismus bildeten die traditionellen Monarchien, denen es gelang, eine Revolution zu vermeiden: Saudi-Arabien, Jordanien und die Golfmonarchien. Insbesondere Saudi-Arabien präsentierte sich als Verfechter des Panislamismus gegen Nassers Panarabismus. In den 1950er und 60er Jahren bot es Mitgliedern der Muslimbruderschaft, die vor Nassers Verfolgung flohen, Zuflucht und beschäftigte einige von ihnen als Lehrer und Religionsgelehrte. Im Jahr 1962 half Kronprinz Faisal bei der Gründung der Muslimischen Weltliga, um die islamische Solidarität als Alternative zum säkularen arabischen Nationalismus zu fördern. Die Saudis waren selbst keine Revolutionäre der Muslimbruderschaft, doch die Unterstützung dieser islamistischen Gegner war ein nützliches Mittel, um Nasser entgegenzuwirken. Ironischerweise trug die saudische Monarchie dazu bei, Ideen zu bewahren und zu verbreiten, die später auch die Monarchien selbst in Frage stellen sollten.
Bis 1967 schien der säkulare arabische Nationalismus fast seinen Höhepunkt erreicht zu haben. Die Regime in Kairo und Damaskus versprachen die Wiederherstellung der arabischen Würde, antikoloniale Unabhängigkeit und moderne militärische Stärke.
Und dann verloren sie innerhalb von sechs Tagen gegen Israel.
Das Bild von Stärke und Macht zerbrach über Nacht. Dies war der Anfang vom Ende der säkular-nationalistischen Vorherrschaft in der arabischen Politik. Die demütigende Niederlage gegen Israel entzog ihnen eine der wichtigsten Säulen ihrer Legitimität, und ihr Anspruch auf Kompetenz und militärische Modernisierung erlitt einen katastrophalen Rückschlag. Islamistische Kritiker antworteten treffend: „Wir haben es euch ja gesagt.“ Für sie konnte die Niederlage nicht nur als militärisches Scheitern interpretiert werden, sondern als göttliche Demütigung von Regimen, die den Islam zugunsten fremder Ideologien aufgegeben hatten.
Als Nasser 1970 starb, schlug sein Nachfolger, Anwar Sadat, einen anderen Weg ein. Anstelle des Panarabismus konzentrierte er sich auf die nationalen Interessen Ägyptens. Durch den Angriff auf Israel im Jahr 1973 und die Überquerung des Suezkanals stellte er einen Teil des ägyptischen Stolzes wieder her, der 1967 verloren gegangen war, was ihm das politische Ansehen verschaffte, um diplomatische Wege zu beschreiten. Sein Friedensvertrag mit Israel brach das ultimative Tabu, sicherte jedoch die Rückgabe des Sinai und vollendete Ägyptens Abkehr vom sowjetischen Lager hin zu den Vereinigten Staaten. Er versetzte dem Panarabismus zudem einen weiteren verheerenden Schlag, da Ägypten, die bevölkerungsreichste arabische Nation, aus der Arabischen Liga ausgeschlossen wurde.
In den 1970er Jahren war der Terrorismus, mit dem Israel zu kämpfen hatte, noch weitgehend säkular und marxistisch geprägt. Die Islamisten standen noch am Rande. Doch dann, im Jahr 1979, ereigneten sich zwei gewaltige Ereignisse: die iranische Revolution und der sowjetische Einmarsch in Afghanistan.
Vor 1979 wurde der politische Islam vor allem mit Monarchien und Oppositionsbewegungen in Verbindung gebracht. Der Iran schuf nun etwas Neues: eine revolutionäre islamistische Republik. Obwohl sie Schiiten waren – im Gegensatz zur sunnitischen Muslimbruderschaft –, bewiesen sie dem Nahen Osten dennoch, dass es einer revolutionären islamischen Bewegung möglich war, eine mächtige, vom Westen unterstützte, säkularisierende Monarchie zu stürzen. Interessanterweise kamen die Islamisten im Iran teilweise mit Hilfe sozialistischer Radikaler an die Macht, von denen sie einige, sobald sie an der Macht waren, verfolgten und inhaftierten. Doch es kam auch zu einer Verschmelzung. Ein wichtiger intellektueller Einfluss auf die Revolution von 1979 war Ali Shariati, der vor seinem Tod im Jahr 1977 eine bemerkenswerte Synthese aus schiitischem revolutionärem Denken und Ideen aus dem Marxismus, dem Existentialismus und dem antikolonialen Linksextremismus entwickelt hatte, wobei er Klassenunterdrückung und revolutionäre Gerechtigkeit in islamischen Begriffen neu definierte.
Im folgenden Jahr eskalierte dieser ideologische Konflikt zu einem regelrechten Krieg, als Saddam Husseins säkularer, baathistischer Irak in Khomeinis neue Islamische Republik einmarschierte. Im Iran-Irak-Krieg ging es um weit mehr als nur um Säkularismus gegen Islamismus – Territorium, Regimessicherheit, arabisch-persische Rivalität und die Angst vor einem Export der iranischen Revolution spielten ebenfalls eine Rolle –, doch der Gegensatz war unverkennbar: revolutionärer Islam auf der einen Seite und arabisch-nationalistischer Baathismus auf der anderen. Doch je länger sich der Krieg hinzog, desto mehr begann sogar Saddam, sich die religiöse Sprache seines Feindes zu eigen zu machen – eine Entwicklung, auf die wir später noch zurückkommen werden.
Die sowjetische Invasion in Afghanistan schuf eine Situation, in der die Sowjetunion, der große Förderer der säkularen und nationalistischen Regierungen im Nahen Osten, aktiv Krieg gegen die islamistischen Mudschaheddin führte. Die Mudschaheddin erhielten Unterstützung aus Saudi-Arabien und Pakistan und sogar aus den Vereinigten Staaten. Die Eindämmungspolitik des Kalten Krieges veranlasste Washington wiederholt dazu, antikommunistische Kräfte zu unterstützen, deren Ideologie es sonst nicht geteilt hätte. Diese Stimmung griff sogar auf Hollywood über: In dem 1988 erschienenen Film „Rambo III“ kämpft Rambo an der Seite afghanischer Mudschaheddin gegen die Sowjets, und der Film endet mit einer Widmung an „das tapfere Volk Afghanistans“.
Der Afghanistankrieg zog zudem Tausende muslimischer Freiwilliger aus aller Welt an, insbesondere aus den arabischen Ländern. Der palästinensische Islamist Abdullah Azzam wurde neben einem jungen Saudier namens Osama bin Laden zu einer wichtigen Figur bei deren Rekrutierung. Die ausländischen Freiwilligen spielten zwar eine relativ geringe Rolle bei der tatsächlichen Niederlage der sowjetischen Streitkräfte, doch ihre Erfahrungen in Afghanistan führten zu etwas weitaus Bedeutenderem: internationalen Netzwerken militanter Islamisten, die ihren Kampf schließlich in andere Teile der Welt tragen sollten. Al-Qaida selbst entstand aus diesem Umfeld.
Die Sowjetunion zog sich 1989 nach zehn Jahren zurück und löste sich nur zwei Jahre später auf. Dies war ein riesiger Erfolg für die islamistische Öffentlichkeitsarbeit. Nun konnten sie verkünden, dass der vom Glauben getragene Widerstand eine Supermacht besiegt hatte. 1991 verschwand zudem die Sowjetunion als großer externer Förderer und ideologisches Vorbild vieler säkularer arabischer Regime und Bewegungen. Während die USA und Europa das Jahr 1991 als einen gewaltigen Sieg für die weltweite Demokratie betrachteten, sahen viele Islamisten darin eine unglaubliche Chance.
In den 1970er und 80er Jahren spielte sich dieser Kampf zwischen säkularem Nationalismus und Islamismus auch unter den Palästinensern ab. Die PLO und marxistische palästinensische Fraktionen waren damals Israels Hauptfeinde, weshalb Israel islamistische Organisationen als Gegengewicht tolerierte – und zeitweise sogar förderte. Im Gazastreifen erhielt die „Mujama“ von Scheich Ahmed Yassin, ein palästinensischer Ableger der Muslimbruderschaft, offizielle Anerkennung und durfte Moscheen, Wohltätigkeitsorganisationen und soziale Einrichtungen errichten, während sich Israel auf die Unterdrückung der säkularen PLO konzentrierte.
Israel war nicht das einzige Land, das diese Kalkulation anstellte. In Ägypten entließ Anwar Sadat Aktivisten der Muslimbruderschaft aus dem Gefängnis und räumte Islamisten mehr Spielraum zur Organisation ein, unter anderem, um die Nasseristen und Marxisten zu schwächen, die sich seinen Wirtschaftsreformen, seiner Abkehr von der Sowjetunion und schließlich seinem Friedensabkommen mit Israel widersetzten.
Dies war ein wichtiger Grund dafür, dass islamistische Bewegungen an Stärke gewannen; nicht nur durch den Widerstand gegen säkulare Regierungen, sondern auch durch den Aufbau von Schulen, Kliniken, Wohltätigkeitsorganisationen und Sozialnetzwerken, wobei sie oft Dienstleistungen erbrachten, die die angeschlagenen Regierungen nicht bereitstellen konnten. In Ägypten baute die Muslimbruderschaft ihren Einfluss schrittweise über Universitäten, Berufsverbände und Wohltätigkeitsorganisationen aus. Im Gazastreifen folgte Yassins Bewegung einem ähnlichen Muster. Diese Organisationen schufen etwas, was politische Parolen allein niemals leisten konnten: Beziehungen zu einfachen Menschen und das Vertrauen von Gemeinschaften, die zunehmend auf sie angewiesen waren.
Sowohl die israelische als auch die ägyptische Regierung bereiteten sich auf den Feind von gestern vor, während sie den neuen Feind, der direkt vor ihrer Nase heranwuchs, massiv unterschätzten.
In den 1980er Jahren hatte sich die Gefahr verlagert. Sadat wurde 1981 von radikalen Islamisten ermordet, wenn auch nicht von Mitgliedern der Muslimbruderschaft. Im Gazastreifen entwickelte sich Yassins Bewegung allmählich von einer sozialen Islamisierung hin zur Militanz und verwandelte sich schließlich während der Ersten Intifada 1987 in eine neue Organisation – die Hamas.
Anfang der 90er Jahre änderte Israel seine Einschätzung. Die Hamas entwickelte sich zur aufstrebenden Bedrohung, während der alte Feind – die PLO – schwach und isoliert war. Sie war 1982 im Libanon besiegt worden, wegen ihrer Unterstützung für Saddam Hussein während des Golfkriegs 1991 isoliert worden, und ihr sowjetischer Schutzherr war zusammengebrochen. Das war die Welt, in der die Osloer Abkommen möglich wurden. Ein Element der damaligen Sicherheitslogik Israels war einfach: die PLO stärken und sie die Hamas kontrollieren lassen, anstatt dass Israel dies direkt tat.
Die alte säkulare nationalistische Bewegung, geschwächt, aber international immer noch als Vertreterin der Palästinenser anerkannt, wurde aus Tunis zurückgebracht und erhielt Institutionen, Territorium und eine bewaffnete Polizei – unter anderem, um die islamistische Bewegung einzudämmen, die in ihrem Schatten gewachsen war.
Wo stehen wir also heute?
In den vergangenen Jahrzehnten, bis zum Jahr 2023, entwickelte sich die Hamas von einer marginalen islamistischen Herausforderin zu einer Bewegung, die in der Lage war, die Fatah-Fraktion im Gazastreifen in den Schatten zu stellen und mit ihr um die Führung der palästinensischen Bewegung zu konkurrieren. In Syrien stürzte eine islamistische Organisation, die aus dem Umfeld von al-Qaida hervorgegangen war, schließlich das Assad-Regime und führt das Land nun unter Ahmed al-Sharaa. Selbst die Türkei, einst die große Bastion von Atatürks aggressivem Säkularismus, hat unter Recep Tayyip Erdoğan und seiner islamistisch geprägten AKP einen deutlich religiöseren Kurs eingeschlagen. Und der außergewöhnliche Aufstieg des IS in Syrien und im Irak zeigte, wie viel politischer Raum sich für Bewegungen geöffnet hatte, die einst als unmöglich radikal gegolten hätten.
Doch während säkularer Nationalismus und Islamismus miteinander konkurrierten, geschah noch etwas anderes: Sie begannen, sich gegenseitig zu beeinflussen.
Saddam Hussein bekämpfte den revolutionären Iran zunächst mit der Sprache des säkularen Baathismus und des arabischen Nationalismus. Doch als sich der Iran-Irak-Krieg hinzog, berief er sich zunehmend auf den Dschihad, bezeichnete irakische Soldaten als Mudschaheddin und stellte den Konflikt als eine neue Version der alten arabisch-muslimischen Eroberung Persiens dar. Im Jahr 1991 ging er sogar noch weiter und fügte der irakischen Flagge den Schriftzug „Allahu Akbar“ hinzu.
Die gegenseitige Anlehnung verlief auch in die andere Richtung. Viele islamistische Bewegungen, die einst aus transnationalen islamischen Ideologien hervorgingen, konzentrierten sich zunehmend auf bestimmte Nationen und Gebiete. Die Hamas ist durch und durch palästinensisch-nationalistisch und zugleich islamistisch. Hay’at Tahrir al-Sham (HTS) entwickelte sich von der Welt des globalen Dschihad hin zu einem explizit syrischen politischen Projekt. Erdoğan verbindet islamische politische Sprache mit leidenschaftlichem türkischem Nationalismus.
Die Säkularisten lernten, dass sie den Islam nicht ignorieren konnten. Die Islamisten lernten, dass sie den Nationalismus nicht ignorieren konnten.
Was geschah also mit dem säkularen Nahen Osten der 1970er Jahre?
Der arabische Sozialismus versprach Einheit, Würde, Modernisierung und militärische Stärke, konnte diese Ziele jedoch nicht in ausreichendem Maße verwirklichen. Die Niederlage von 1967 schadete seinem Ansehen. Autoritarismus und wirtschaftliche Misserfolge schwächten ihn weiter, und der Zusammenbruch der Sowjetunion beraubte ihn seines großen internationalen Schutzherrn. Der politische Islam trat in das Vakuum ein, gestärkt durch die iranische Revolution, den afghanischen Dschihad und jahrzehntelange Basisarbeit.
Der Nahe Osten verlagerte seinen Schwerpunkt von Moskau nach Mekka.
Dieser Wandel veränderte auch die Frage, wer zum ideologischen Zentrum gehören konnte. Ein Christ wie Michel Aflaq konnte zur Entstehung des Baathismus beitragen, weil der arabische Nationalismus die Zugehörigkeit in erster Linie über Sprache, Geschichte und Kultur definierte. Eine explizit islamistische Bewegung konnte einem arabischen Christen niemals ganz dieselbe Rolle bieten.
Doch der Islamismus ersetzte den Nationalismus nicht einfach. Die Hamas ist palästinensisch, die HTS wurde syrisch, und Erdoğans Islamismus blieb durch und durch türkisch. Unterdessen übernahmen säkulare Herrscher zunehmend selbst islamische Sprachbilder.
Die säkulare Revolution scheiterte. Der arabische Sozialismus verlor seine Vorherrschaft. Doch ihr Nationalismus überlebte weiterhin innerhalb der islamistischen Bewegungen, die an seine Stelle traten.
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