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Jesus von Nazareth in der frühjüdischen Literatur – Rezension eines hebräischen Buches

Cover der hebräischen Ausgabe von „Jesus von Nazareth in der frühen jüdischen Literatur“. (Foto: Bibelgesellschaft in Israel)

Das 2023 von der Jerusalem Bible Society veröffentlichte Werk „Jesus of Nazareth in Early Jewish Literature“ (Jesus von Nazareth in der frühen jüdischen Literatur) ist eine bahnbrechende wissenschaftliche Studie von Dr. Makram Mesherky, die untersucht, wie die Figur Jesu (Yeshua Hanotzri) in frühen jüdischen Schriften dargestellt wird. Das Buch umfasst eine umfassende Analyse literarischer, theologischer und historischer Perspektiven auf Jesus in der jüdischen Tradition. Es erschien zunächst auf Hebräisch und wurde anschließend ins Arabische übersetzt, was seine Relevanz für ein vielfältiges wissenschaftliches Publikum unterstreicht.

Das Buch gliedert sich in zwei Hauptteile, eingerahmt von einem Einführungskapitel und einem Glossar, das nicht-fachkundigen Lesern wichtige Begriffe und Konzepte näherbringen soll. Die Einleitung untersucht kurz, wie Jesus in zeitgenössischen römischen und jüdischen historischen Quellen erwähnt wird, und bereitet damit die Bühne für die anschließende vergleichende Analyse.

Teil 1: Jesus in der rabbinischen Literatur

Der erste Teil des Buches untersucht, wie Jesus in der klassischen rabbinischen Literatur, insbesondere in der Tosefta und im babylonischen Talmud, dargestellt wird. Da die betreffenden Texte mehrere Jahrhunderte nach dem Leben Jesu verfasst wurden, stellt Dr. Mesherky klar, dass es nicht darum geht, ihre historische Genauigkeit zu bewerten. Stattdessen liegt der Schwerpunkt darauf, wie diese Texte die sich entwickelnde theologische und kulturelle Reaktion der Juden auf den Aufstieg des Christentums widerspiegeln.

Diese Quellen enthalten vereinzelte, aber bedeutende Hinweise auf Personen, die oft mit Jesus in Verbindung gebracht werden, wie Ben-Satada und Ben-Pandira. Viele dieser Hinweise wurden in früheren gedruckten Ausgaben des Talmuds weggelassen, sind aber in modernen Ausgaben wie der von Steinsaltz wieder aufgetaucht. Dr. Mesherky gewährleistet akademische Genauigkeit, indem er originale hebräische und aramäische Manuskripte konsultiert, von denen einige auch in der arabischen Version wiedergegeben sind.

Die talmudischen Berichte werden nicht als Biografien behandelt, sondern als komplexe Ausdrucksformen der Auseinandersetzung der Rabbiner mit den aufkommenden christlichen Ideen. Jesus wird in diesen Texten als jemand dargestellt, der sich der rabbinischen Autorität widersetzt und von den akzeptierten Normen abweicht – oft innerhalb narrativer Rahmen, die Folklore, theologische Polemik und moralische Kommentare miteinander verbinden. Die Geschichten von Ben-Satada und Ben-Pandira beispielsweise behandeln Themen wie Zauberei, verbotene Heilung und umstrittene Lehren. Obwohl anachronistisch, spiegeln diese Geschichten reale historische Spannungen zwischen dem rabbinischen Judentum und dem frühen Christentum wider.

Eine bemerkenswerte Passage, die von Mesherky analysiert wird, handelt von Rabbi Elazar ben Dama, der von einer Schlange gebissen wird und von jemandem geheilt werden möchte, der den Namen Yeshu ben Pandira anruft. Rabbi Yishmael verbietet dies und veranschaulicht damit die Vorsicht der Rabbiner gegenüber externen religiösen Einflüssen. Ein anderer Bericht handelt von der rechtlichen Verurteilung und Hinrichtung von Yeshu dem Nazarener am Vorabend des Passahfestes, weil er Israel in die Irre geführt habe – eine Erzählung, die auch auf das Schicksal seiner Jünger Bezug nimmt.

Teil Zwei: Die Toledot-Yeshu-Tradition

Der zweite Teil der Studie untersucht den Toledot-Yeshu-Korpus – eine Sammlung mittelalterlicher hebräischer polemischer Texte, die eine alternative und oft satirische Erzählung des Lebens und der Mission Jesu bieten.

Während die rabbinischen Anspielungen kurz und fragmentarisch sind, bietet die Toledot-Yeshu-Literatur eine strukturiertere „Gegen-Geschichte“, die die sozialen und religiösen Zwänge widerspiegelt, denen jüdische Gemeinschaften unter christlicher Vorherrschaft ausgesetzt waren. Das öffentliche Bewusstsein für diese Texte begann im 17. Jahrhundert mit Gelehrten wie Wagenseil und Huldreich und wuchs im 20. Jahrhundert mit der Entdeckung und dem Vergleich weiterer Manuskripttraditionen.

Obwohl diese Literatur im herkömmlichen Sinne nicht historisch zuverlässig ist, stellt Toledot Yeshu ein eigenständiges literarisches Genre dar. Dr. Mesherky untersucht die Identifizierung der drei Hauptgruppen der Tradition – Pilatus, Helena und Herodes – und hebt wiederkehrende Figuren wie Miriam und Ben Pandira hervor, deren Rollen je nach Version variieren. Diese Texte parodieren oft grundlegende christliche Behauptungen, darunter die jungfräuliche Geburt, Wunder und Auferstehung, und dienen als theologische Widerstands-Literatur, die die jüdische Identität bewahren will.

Dr. Mesherky kommt zu dem Schluss, dass das Bild Jesu in der jüdischen Tradition facettenreich ist und durch theologische Grenzziehungen, kollektives Gedächtnis und polemische Konfrontationen geprägt ist.

Durch die Analyse sowohl der fragmentarischen talmudischen Referenzen als auch der weiterentwickelten Toledot Yeshu-Texte zeigt die Studie die Entwicklung der jüdischen Reaktionen auf die Figur Jesu auf – nicht nur als historische Person, sondern als theologische und symbolische Herausforderung.

Dieses Werk von Dr. Makram Mesherky zeichnet sich durch seine methodische Dokumentation der Primärquellen und seine ausgewogene Perspektive aus, die sowohl die historische Distanz als auch die emotionale Kraft hinter diesen Texten anerkennt. Anstatt zu versuchen, jüdische und christliche Erzählungen in Einklang zu bringen, bietet Mesherky eine Perspektive, durch die die Eigenständigkeit jüdischer Sichtweisen auf Jesus verständlich wird.

Durch sorgfältige philologische und kontextuelle Analyse stellt Jesus von Nazareth in der frühen jüdischen Literatur eine wertvolle Ressource für Forschende der Judaistik, der Religionspolemik und des interkulturellen Dialogs dar.

Wichtige Fragen, mit denen sich das Buch befasst:

- Warum lehnt der Talmud Yeshu (Jesus) ab, obwohl er einst als „Sohn und Jünger” galt?

- Wie zuverlässig ist die Toledot Yeshu-Literatur?

- War der historische Jesus ein Zauberer, ein Wundertäter oder etwas anderes?

- Welchen historischen und theologischen Wert hat die antike jüdische Literatur im Vergleich zum Neuen Testament?

- Warum, wann und wie wurde aus dem Namen „Yeshua” „Yeshu”?

Über den Autor

Dr. Makram Mesherky ist ein israelischer christlich-arabischer Geistlicher und Wissenschaftler, der sich auf vergleichende Religionswissenschaft spezialisiert hat. Er promovierte an der Universität Haifa mit einer Dissertation über „Jesus im frühen muslimischen Denken”, wobei er sich auf den Koran und die frühe nachkoranische Literatur konzentrierte. Er hat mehr als zwanzig Bücher und zahlreiche Artikel in Bereichen wie Evangelisation, biblische Hintergründe, rabbinische und muslimische Literatur, Apologetik und Linguistik verfasst. Seine interdisziplinäre Forschung stützt sich auf biblische Sprachen, Epigraphik, Landwirtschaft und alte Bräuche – Wissensgebiete, die die Analyse in diesem Band erheblich bereichern.

Das Buch ist über die Bible Society in Israel erhältlich.

Yehuda ist ein ehemaliger Mathematik- und Naturwissenschaftslehrer an Israels erster akkreditierter messianischer Schule in Jerusalem und hat akademische Abschlüsse in Mathematik, Physik und Philosophie. Er kam im August 2023 zum Team von ALL ISRAEL NEWS.

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